Psychoemotionale Verletzungsgefahr (Teil 4)
Es ist sicher richtig, dass Abhärtung bzw. ein Ausweiten der eigenen Grenzen unter anderem zum Handwerkszeug hochempfindlicher Menschen zählt, die in der heutigen Welt glücklich und integriert leben wollen. Kinder oder Jugendliche sollten jedoch diesbezüglich nicht "behandelt" werden, sonder unter Anleitung und Unterstützung lernen, dies selbst zu tun. Bei der oben genannten Abhärtung fehlt meist der unabdingbar nötige Respekt und die Wertschätzung für die Sensibilität. Wenn dieser so unabtrennbar mit dem Kind verbundene Wesenszug als "übel" gesehen wird, den man "weg machen" will, stehen die Vorzeichen denkbar schlecht.
Einen weiteren Risikofaktor für die psychoemotionale Gesundheit einer heranwachsenden HSP stellt ihr häufig stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn dar. Eltern und Lehrer sind bloß Menschen, die auch bei besten Absichten nicht immer völlig gerecht sein können. Während dies weniger sensiblem Kindern und den allermeisten Erwachsenen kaum oder gar nicht auffällt, gibt es viele hochempfindliche Kinder, denen so eine "Verfehlung" markant ins Auge sticht. Wir kennen einige Fälle, in denen diese Kinder dann den vermeintlich ungerechten Erwachsenen zur Rede stellen. Hat der betroffene Elternteil oder Lehrer die nötige Bescheidenheit und nervlichen Ressourcen, um seine Betroffenheit und Reue zu zeigen, stärkt dies das Vertrauen des Kindes in die Bezugsperson und in sich selbst. (Über die angemessene und zielführendste Form dieses zur Rede Stellens kann man mit dem Kind dann anschließend sprechen.) Viele Erwachsene werden jedoch aus Überlastung, falschem Stolz oder anderen Gründen wenig Einsichtigkeit zeigen, sondern statt dessen in einer Weise reagieren, die Selbstwert und Vertrauen des Kindes nicht fördert.
Viele Eltern, auch wenn sie aufrichtig bemüht sind, schaffen es nicht, diesen hohen Anforderungen nach Aufmerksamkeit, Geduld, Konsequenz, Gerechtigkeit, Anerkennung und Zuwendung gerecht zu werden. Da geht es sicherlich nicht darum, irgendwelche Schuldzuweisungen vorzunehmen. Die Erinnerungen an nicht so optimale Umstände in unserer Kindheit und Jugend sind vielleicht schmerzhaft. Aber es wird notwendig sein, dass die hochempfindlichen Menschen, die eine für ihre Entwicklung weniger förderliche häusliche Situation vorgefunden haben, vor dieser Tatsache nicht die Augen verschließen. Das Wissen um die bereits erlebten Härten kann uns helfen, Verständnis und Geduld für uns und unsere Bedürfnisse aufzubringen, damit wir unserem inneren Kind selbst ein besserer Elternteil sein können. Auch falls wir selbst Eltern sind, kann es uns davor bewahren, die Schwierigkeiten ungeschmälert weiterzugeben.