Ein eigener Schlag, Teil 2
Auch das Hormon Cortisol, das unter dauerhafter Erregung freigesetzt wird, war bei den von Kagan untersuchten hochempfindlichen Kindern weit stärker vorhanden als bei der nicht hochempfindlichen Parallelgruppe. Interessanterweise war die feststellbare Menge an Cortisol bei den HSP immer höher, sowohl unter akutem Stress als auch in einer ruhigen Situation, etwa zu Hause.
All das führte Kagan zu dem Schluss, dass Hochsensible (die er »Gehemmte« nennt) tatsächlich ein eigener »Menschenschlag« sind, der sich genetisch deutlich von nicht Hochsensiblen unterscheidet. Zwar gehören beide der gleichen Spezies an, aber der Unterschied ist für das geschulte Auge unübersehbar und objektiv feststellbar. Und da die Unterschiede praktisch schon ab der Geburt erkennbar sind, haben wir sie mit großer Sicherheit ererbt. Damit bestätigte Jerome Kagan die These von Pawlow.
Bei Pawlow und Kagan besteht die Gruppe der HSP aus ca. 15 bis 20 % der Versuchspersonen. Bemerkenswerterweise ist dieser Prozentsatz an merklich sensibleren Individuen auch bei anderen höheren Säugetieren zu finden. Wir befragten Menschen, die viel mit Tieren zu tun haben. So ziemlich alle waren sich einig darin, dass es auch bei Tieren einen gewissen Prozentsatz von Individuen gibt, die auffällig sensibler sind. (Unsere Fragen waren speziell auf Hunde, Katzen und Pferde bezogen, aber auch Nagetiere wurden genannt.) Oft wurden sie als »nervös« oder »verschreckt« bezeichnet, doch auch als sehr lernfähig. Der Prozentsatz der hochsensiblen Tiere wurde noch nicht wissenschaftlich untersucht, aber Tierärzte schätzten ihn auf verblüffende 20 Prozent.
Somit erscheint es als gesichert, dass es sich bei Hochempfindlichkeit nicht um eine subjektive Befindlichkeit bzw. Einbildung handelt. Das Gefühl von Andersartigkeit, das viele HSP seit ihrer Kindheit begleitet, ist korrekt. Der Unterschied ist real.